"Herrgottstag - Frohnleichnam in Waldkirch
Frohnleichnam ist ein im Mittelalter entstandenes und bis heute bedeutendes
Fest im Kirchenjahr, welches auch in unserer Pfarrgemeinde und Stadt würdevoll und in bewährter Tradition gefeiert wird. Dabei handelt es sich um eines der katholischen Feste, die man dem Namen nach nicht auf Anhieb verstehen muss. Der Name Fronleichnam setzt sich aus zwei mittelhochdeutschen Wörtern zusammen, nämlich Fron, was „Herr" bedeutet und Leichnam, was mit „Leib" zu übersetzen ist, also „Herrenleib"! Der offizielle kirchliche Name lautet: „Hochfest des Leibes und Blutes Christi"!
Das Fest wird am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis) gefeiert und soll auf Visionen der Augustinernonne Juliane von Lüttich zurückgehen. Papst Urban IV erhob Fronleichnam im Jahr 1264 zu einem allgemeinen Kirchenfest.
Der Ablauf des Festes hat sich über die Jahrhunderte in Teilen immer wieder verändert, auf dem Foto des Monats Juni 2026 ist die Prozession zum Hause Elektro-Bayer, Ecke Friedhof-/Giselastraße (4. Station) zu sehen.
Über Frohnleichnam wurde auch in unserem Heimatbrief schon viel berichtet. Ein Bericht von Hermann Rambach aus dem Heimatbrief von 1989 mit dem Titel
"Ernstes und Heiteres um den Waldkircher Herrgottstag " möchten wir hier mal veröffentlichen.
Ernstes und Heiteres um den Waldkircher Herrgottstag aus dem Waldkircher Heimatbrief von 1989
Von Hermann Rambach
Unter den katholischen Bewohnern der einstmals großen Pfarrei Waldkirch galt seit eh und je der Herrgottstag als ein Hochfest ersten Ranges. Kein anderer Tag im Jahr und auch kein anderes Fest fand so sehr die persönliche Anteilnahme der Menschen, wie gerade dieser. Auch die Bewohner der Filialgemeinden Kollnau, Gutach und Siensbach fehlten nicht. Die Suggentäler, die schon im Mittelalter über eine eigene Kirche verfügten, feierten damals wie heute ihren Herrgottstag am Sonntag in der Fronleichnamsoktav. In der sinnenfreudigen Barockzeit war es nicht anders als in dem sonst sehr materiellen Interessen zugetanen Industriezeitalter des 20. Jahrhunderts.
Das Fest in seiner althergebrachten Herrlichkeit würdig zu begehen, verlangte viele Vorbereitungen. Ursprünglich waren es die sieben Zünfte allein, die mit Fahnen und hohen Kerzenstangen der Prozession und diesem Tag nach außenhin den besonderen Glanz gaben. Mit den Bildern ihrer Patrone in der Mitte, wollten sie sich dem Schutze dessen ganz empfehlen, zu dessen Ehre die große Feier stattfand. Das Bild der Pieta, unter dem sich die große Zunft versammelt hatte, trug ein feiertägliches Kleid und die Mutter Anna der Bohrer und Balierer war mit reichem Schmuck an edlen Steinen geschmückt. Auch die anderen Heiligenfiguren, wie auch die langen Zunftstangen, hatten neue Mooskränze erhalten. Ein Meien aus Wachsblumen war die Zier der weniger begüterten Zünfte für ihren Heiligen. Auch bei der Stadtverwaltung war man nicht untätig. Frisches Grün wurde aus den Wäldern beigebracht, um Straßen und Häuser zu zieren. Kränze und Girlanden wurden gewunden. Aber auch hinlänglich viel Pulver mußte besorgt werden, sollten die Kanoniere auf der Kastelburg ihr vorgeschriebenes Pensum an Böllerschüssen erfüllen.
Dieser Kanonendonner hatte indessen mit kriegerischen Dingen so wenig zu tun, wie die alte Waldkircher Schützenkompanie, die mit Ober- und Untergewehr bewaffnet zum Schutze des Allerheiligsten die Sakramentsgruppe begleitete. 1805 wurden sie durch das eben erst gegründete Bürgermilitär in ihrem löblichen Tun abgelöst. Auch diese neue militärisch gekleidete Vereinigung hegte keine andere Absicht, als zum Glanze des Festes beizutragen. Doch mußte alles in Ordnung und militärischer Disziplin vollzogen werden, was solchenfalls möglichst genau ausgeführt wurde. Gutes Exerzieren war Voraussetzung für gutes Gelingen. Was indessen aus einer friedlich begonnenen Exerzierübung entstehen konnte, überliefert ein Tagebucheintrag aus dem vorigen Jahrhundert mit den Worten: »Mitte der 30er Jahre ging das hiesige damals stattliche Bürgermilitär um Übungen auf den Fronleichnamstag zu machen in den Heidich [Haidach damals ein großer Eichenwald zwischen Suggental und Denzlingen]. Durch Waldkircher Buben, bei denen auch ich [der Berichterstatter] war, und den Denzlinger Buben kam es zu Händel. Es mischten sich alsbald ältere Männer ein, bis zuletzt das Militär einhieb. Es war hohe Zeit zum Abmarschieren, denn in Denzlingen wurde gestürmt [Sturm geläutet]. Ich habe dem damaligen Marketender geholfen, den Wein per Wagen zurück zu bugsieren.«
In späterer Zeit, als Vereine aufkamen, ergab sich ein reicheres Bild auf der Palette der Festteilnehmer, denn auch diese führten Fahnen und das Bild ihres Schutzpatrons bei der Prozession mit. Eine nicht ganz belanglose und mitunter auch sehr schwierige Arbeit der Organisatoren war die Einteilung der bei der großen Prozession in irgend einer Funktion tätigen großen und kleinen Leute. Innerhalb der Zünfte und Vereine wurden diese Fragen intern gelöst. Weit aufregender ging es bei der Jugend beiderlei Geschlechts zu bei dem Bemühen, zu irgend einer Mithilfe bei der Prozession eingeteilt zu werden. Zur damaligen Zeit rechneten es sich Kinder, wie Erwachsene, als große Ehre an, etwas tragen zu dürfen, sei es ein Fähnle, eine Kerze oder einen Palmwedel beim Allerheiligsten oder sich als Fahnenbegleiter eine bunte Schärpe umbinden zu dürfen. Mädchen trugen mit besonderer Vorliebe künstlich angefertigte Lilien. Diese wurden in der Stadt von geübten Händen hergestellt und verkauft. Den Mädchen im Vorschulalter kauften die Eltern kleine, sogenannte Streuerkörble, die mit Blütenblättern gefüllt wurden. Zu den weißen Kleidchen kamen noch künstliche Locken, welche die Mütter in hingebungsfreudiger Arbeit mittels Wickeln und Zuckerwasser herzustellen versuchten. Gehröcke und Zylinder wurden vor dem Fest aus den Schränken geholt und gründlich vom Staub befreit. Musiker und Feuerwehrleute hatten es besonders schwer. Messingknöpfe, Gürtelschließen und nicht zuletzt die Messinghelme waren auf Hochglanz zu polieren und wer etwas auf sich hielt, brachte auch dem roten Helmbusch eine gute Frisur bei.
Dann konnte der große Tag kommen. Um 5 Uhr wurden auf der Kastelburg die ersten Böller gelöst. Zur gleichen Zeit traten Tambouren und Musiker der Feuerwehr zur Tagwache (Tagreveille, in der Umgangssprache Tagrewell genannt,) an. Jetzt noch in kleiner Uniform, mit Mützen. Um 1/2 7 Uhr aber hatten die gleichen Leute, so wie die anderen Mitglieder der Feuerwehr, in Galauniform vor dem Rathaus zu stehen. Unter den Klängen des Parademarsches wurde die Feuerwehrfahne im Rathaus abgeholt und in die angetretene Mannschaft eingeführt. Dann ging es mit klingendem Spiel, unter Glockenläuten und Böllerschießen zur Kirche. Die weltlichen und kirchlichen Vereine schlossen sich dem Zug an.
Die Kirche war geschmückt, wie im ganzen übrigen Jahr nicht. Birkenbäume standen vor den hohen Pilastern des Langhauses. Auf allen Altären waren Kerzen angezündet. Auch vor den Zunftheiligen und auf den 16 großen Kerzenstangen brannten die Lichter. Selbst die Apostelleuchter, die sonst das ganze Jahr über ohne Licht waren, leuchteten. Den Mittelgang der Kirche flankierten auf beiden Seiten große und kleine Fahnen. Auf ein Glockenzeichen schritten die Geistlichen, von 12 Ministranten begleitet, zum Hochaltar. Die heilige Handlung begann. Oben auf der Orgelempore sangen und musizierten Chor und Orchester das Kyrie. Da legte sich über den von Weihrauchduft geschwängerten Kirchenraum eine Atmosphäre heiliger Andacht und tiefer Ergriffenheit. Alle Blicke richteten sich zum Altar und folgten dem Gang der heiligen Handlung.
Nach dem Hochamt formierte sich die große Prozession. In früheren Zeiten bewegte sie sich um die Stadtmauern. Als deren kümmerliche Reste in Neubauten integriert und zugebaut wurden und als neue Straßen und Wege gebaut worden waren, wurde die Prozession in das Stadtinnere verlegt. Die Zugordnung wurde 1841 geändert. Nach wie vor wurde beim Spital die erste Station gehalten. Die zweite Station fand beim städtischen Waaghaus (Lange Straße 36) statt. Als neue Regelung wurde die Prozession durch die Vorstadt bis zum Hause des Bürgermeisters Pfeiffer (Lange Straße 84) geführt, kehrte dort um und hielt beim Gehring- Hafner (Marktplatz 22) die vierte Station.
Unvorhergesehenes Mißgeschick
Meistens verlief alles gut. Aber eines Tages traf den Fahnenträger der weißen Jungfrauenfahne ein böses Mißgeschick. Gleich beim Korbersehen Anwesen ragte ein mächtiger Birnbaum mit seinen Ästen weit in die Straße hinein. Eine Schnur der besagten Fahne geriet in das Astwerk und verhedderte sich darin. Alle Bemühungen, die Schnur zu befreien wollten nicht helfen. Da packte den Fähnrich die Wut. Mit dem Fluch auf den Lippen: >;Du Sakramentshurefahne« zerrte er ein weiteres Mal und hatte Erfolg. Doch die vordersten unter den weißgekleideten und in weiße Schleier gehüllten Jungfrauen waren zu Tode erschrocken über die Schmach, die der grobe Fahnenträger über ihre tugendreiche Vereinigung losgelassen hatte. Kaum war die Prozession zu Ende, als sie eine Abordnung zum Pfarrer schickten und bei ihm unter Tränen ihr Leid klagten. Doch der geistliche Herr versuchte, die Trauernden damit zu besänftigen, daß nach seiner Meinung die bösen Worte nicht ihnen, sondern einzig und allein der bockbeinigen Fahne gegolten habe.
Doch die ehrsamen Jungfrauen waren nicht die einzigen in der langen Prozession. Dem Kreuz und der roten Kirchenfahne folgten zunächst die Schulbuben, von den Stadtpolizisten unter starker Aufsicht gehalten. Vor dem Jahre 1912, als in Kollnau noch keine Ortskirche stand, kamen auch die Pfarrangehörigen von dort und von Gutach nach Waldkirch zur Prozession. Daher ist in der Prozessionsordnung ein reichhaltiges Angebot an Vereinen und Körperschaften. Eine im Jahre 1908 erschienene »Ordnung der Prozession- bietet eine exakte Aufzeichnung, wie die vielen Gruppen nacheinander dem Prozessionszug gefolgt waren. Nach dem Waldkircher Jünglingsverein kamen die Zöglinge des Instituts von Dr. Plähn, dann der Gesellenverein, die übrigen ledigen Männer aus der Stadt und den Filialen. Ihnen folgte die Gutacher Feuerwehr mit Musik und Veteranenverein mit Fahne. Dann kamen der Siensbacher Veteranenverein mit Fahne, der katholische Arbeiterverein Kollnau-Gutach und der Krankenunterstützungsverein Kollnau, der Katholische Arbeiterverein Waldkirch, der Bauernverein und Krankenunterstützungsverein Waldkirch mit Fahne, die Kollnauer Feuerwehr mit Musik und Veteranenverein mit Fahne, der Katholische Männerverein Waldkirch mit Fahne, Handwerker früherer Zünfte mit Bildern und Fahnen, die Waldkircher Feuerwehr mit Musik und der Veteranenverein sowie der Artillerie-und Pionierverein Waldkirch. Ein so großes Aufgebot an Menschen kam an diesem Tag zusammen, nicht etwa zu einer der im bürgerlichen Leben hin und wieder üblichen Demonstrationen, sondern einzig und allein um in aller Öffentlichkeit Zeugnis ihres Glaubens zu geben.
Vor dem Ersten Weltkrieg kamen Leute aus nah und fern. Da an diesem Donnerstag der übliche Wochenmarkt ausfiel, nahmen viele Händler, darunter auch solche aus der evangelischen Markgrafschaft, die Gelegenheit wahr, sich in ihr »Bennewägili« zu setzen und nach Waldkirch zu fahren, um die Prozession zu sehen.
Die Stadtmusik in Zivil
Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, daß gerade im Berichtsjahr 1908 es zu einer kleinen Meuterei kam. Die Stadtmusik Waldkirch hatte sich geweigert, in der Uniform der Feuerwehr zur Prozession anzutreten, solange die Feuerwehr nicht imstande sein wird, dafür zu sorgen, daß hinter Spielmannszug und Musik nicht nur ein kleines Häuflein von Wehrmännern mitmarschiert. Also gingen die Musiker am Herrgottstag 1908 in Zivil. Diese Eigenmächtigkeit fand die Mißbilligung des Gemeinderats, und unter den Ratsmitgliedern insbesondere den Unwillen des Feuerwehrkommandanten. Seiner und den der Gemeinderäte Meinung nach stellte sich die Stadtmusik, die übrigens aus lauter freiwillig Mitwirkenden bestand, in eklatanten Widerspruch zu deren Autoritätsvorstellungen. Der einzige, der tatsächlich von dessen Gunst abhängig war, war der Kapellmeister und Musiklehrer. Von ihm wurde verlangt, die Musiker zur Zurücknahme ihrer Entschließung zu zwingen, widrigenfalls er mit der Entlassung aus seinem Amt zu rechnen habe. Die Musiker lehnten jede Art von Erpressung ab, während der Gemeinderat sein Mütchen an Musiklehrer Jäger zu kühlen versuchte, aber keiner unter ihnen gewillt war, sich in eine Aussprache mit den Musikern einzulassen. Schließlich, und nicht zuletzt um Mathäus Jäger als Musiklehrer und Kapellmeister die Stellung bei der Stadtmusik, als auch bei der Feuerwehrkapelle Gutach zu erhalten, machte sich Fabrikant Alexander Gütermann zum Vermittler. Um die Existenz ihres verehrten Lehrers und Kapellmeisters zu retten, gaben die Stadtmusiker ihren Widerstand auf.
Die Prozessionsordnung
In mustergültiger Ordnung bewegte sich auch künftighin die Prozession durch die prächtig geschmückten Straßen, wobei vor allen anderen Prozessionsteilnehmern den Beamten ein besonders hervorragender Platz eingeräumt war. Dieser merkwürdige Vorzug hatte eine lange Geschichte. Höchste Ehre war es, unmittelbar hinter dem Allerheiligsten schreiten zu dürfen. Im Margarethenstift kam diese Ehre, wie nicht anders zu erwarten, dem Propst zu. Dies änderte sich, als 1774 der neu angekommene Obervogt von und zu Zwerger mit Erfolg dem alten Prälaten diesen Rang streitig machte. Dieser sah sich in seiner Person als unmittelbaren Vertreter des Kaisers und beanspruchte daher für sich den ersten Platz. Diese von Wien genährte Vorstellung einer Sonderstellung der Staatsdiener trieb auch noch andere Blüten. In der von Maria Theresia ausgestellten Bestallungsurkunde vom 10. Mai 1770 wurde dem neuberufenen Spitalverwalter zur Pflicht gemacht, »in Ausübung seiner Christenpflicht sich nach der vom Staat vorgeschriebenen Etikettenregelung zu verhalten.« Somit hatte er bei öffentlichen Gottesdiensten und Prozessionen zu erscheinen und sich mit den Beamten und Offizianten des Obervogteiamts seinem Rang entsprechend zu plazieren. Dieser alte Zopf wurde, wenn auch in gemäßigter Form, bis zur Liturgiereform beibehalten, wo bis dahin am Fronleichnamsfest die zwei vordersten Bänke in der Kirche mit roten Tüchern ausgeschlagen und für die Herren Beamten reserviert gehalten wurden.
Nach dem Segen beim Spital, der 1. Station, schritt der feierliche Zug weiter, um vor der Apotheke die H. Station zu feiern. Dort angekommen schlichen sich die Musikanten still und heimlich in die gegenüberliegende »Löwenpost«. In der Gaststube war für sie schon der Tisch gedeckt und für jeden Musiker stand neben einem dampfenden sauren Leberle ein Viertel Wein. Sobald die Ministranten zum Segen läuteten, brachen die Musiker auf und erschienen wieder, wie zuvor, an ihrem Platz in der Prozession. Dieser nicht den liturgischen Vorschriften entnommene Brauch kam 1903 zum Erliegen.
Die mitunter sehr reparaturbedürftigen Hausfassaden waren nicht wiederzuerkennen. Überall Grün, Blumen und, wenn es sich machen ließ, vor den Fenstern Bilder oder Figuren. Auch die Brunnen trugen reiche Zier. Ein letztes Erinnerungsstück an einen solchen Brunnenschmuck befindet sich im Heimatmuseum. Vor einer vielstrahligen Gloriole ein aus Weißblech gearbeitetes flammendes Herz mit Dornenkrone. Aus ihm träufelte Wasser. Der evangelische Blechnermeister Martin Schaich war der Künstler dieses Schmuckes. Es gab im Städtle Leute, die für solche Fälle über ein reiches Repertoire an schmuckhaften Zieraden verfügten. Um Abendmahlsgruppen darzustellen, waren da und dort Köpfe, Hände und Füße vorhanden, die geschickt mit einem Lattenwerk verbunden und in Kleider gehüllt, die Augen der Prozessionsbesucher auf sich richteten. Einer der letzten Künstler war der allzufrüh verstorbene Mesner Joseph Sifringer. Wieviel schöne Dinge hatte er vor seinem Haus gebastelt und aufgebaut. Da war in einem Jahr der hl. Antonius zu sehen, wie er kniend die Erscheinung des Jesuskind erlebte. Plötzlich öffnete sich die Wand, aus der in hellem Lichterglanz das Jesuskind hervortrat und sich dem Heiligen zuwendete, um sich alsbald wieder hinter die Wand zurückzuziehen. Ein andermal war am gleichen Platz der hl. Franziskus zu sehen, wie er von Christus an seinem geflügelten Kreuz die Wundmale erhielt.
Es gab aber auch noch andere Leute, die sich mit mehr oder weniger Geschick um reichen Zierat bemühten. Da wohnte unweit dem Haus des Mesners die Gärtnerkarline mit ihrem ebenfalls ledigen Bruder Alois. Die beiden gaben sich alle Mühe, den 42. Psalm bildlich darzustellen. Alles gelang vorzüglich. Es fehlte nur noch ein Schriftband, das dem Beschauer den Sinn des Ganzen erklärlich machte. Der Maler in der Nachbarschaft wußte Hilfe, nur .stand er mit dem exakten Text auf dem Kriegsfuß. Also schrieb er in kunstvollen Buchstaben: »Wie ein Hirsch nach der frischen Quelle, so leckt meine Seele nach Dir.«
Christus als Gärtner
Ein anderer Darstellungskünstler wohnte weiter unten am oberen Marktplatz. Mit seinem bürgerlichen Namen hieß er Albert Ruf. Im Städtle sprach man allgemein vom Korber Albert. Sein Stelzbein war nicht die einzige Merkwürdigkeit seiner Person. Er war ernstlich entschlossen, vor seinem Haus (Marktplatz 24) den Guten Hirten darzustellen. Ein Haufen von Steinen und Moos war bereits aufgebaut. Auch die Figur des Heilands war so ziemlich gelungen, es fehlten nur noch die Schäflein. Kurz entschlossen stelzte er ins Pfarrhaus, um dort aus dem Bestand der Kirchenkrippe das Fehlende zu erbitten. Doch der Geistliche Rat trug Bedenken, ausgerechnet dem Korber Albert diese Tierlein auszuleihen und wäre es auch für einen noch so frommen Zweck. Mit einer glatten Absage ging der Korber auf den Heimweg. Im »Schwarzenberg« versuchte er, seinen Ärger hinunterzuschwenken und begann über eine andere Lösung zu sinnieren. Was ihm hier nicht einfiel kam ihm im »Jägerhäusle« in den Sinn. »Denne will is zeige«, murmelte er, als er durch die nächste Tür ging und in seiner Stube den Kopf zwischen den Händen vergrub. Der Herrgottstag kam und mit ihm die Prozession zur IV. Station, die beim Gehring Hafner, dem Haus neben dem seinen, abgehalten wurde. Auf dem Hügel stand Jesus als Gärtner. Mit der linken Hand stützte er sich auf eine Schaufel und in der rechten Hand hielt er einen Gartenschlauch. Schon verlas der Diakon das Evangelium, da gab der Gärtner-Christus aus dem Wasserschlauch seinen Segen. Vom Keller aus dirigierte der Albert den Schlauch so, daß möglichst viele der Prozessionsteilnehmer ihren Teil abbekamen. Pudelnaß zogen sie der Kirche zu.
Hielt das schöne Festwetter an, so kamen die Waldkircher in den Nachmittagsstunden in einem der schattigen Biergärten zusammen. In einem von diesen konzertierte die Stadtmusik zur Freude aller Festgäste und in der nicht ganz unbegründeten Hoffnung, daß auch in diesem Jahr vom Stadtpfarrer wieder ein Bierfässle anrollt.


Kommentar schreiben
Michael (Donnerstag, 04 Juni 2026 14:31)
Sehr interessant da gibt's noch viele weitere Anekdoten.