Foto des Monats Juli 2026

Stadtradeln in Waldkirch um 1900

 

Das Bild um 1910 zeigt zwei junge Burschen mit zwei sogenannten Niederrädern im Vordergrund. Diese Räder besaßen bereits zwei gleich große Laufräder 28“ und einen Kettenantrieb auf das Hinterrad, meistens einen Starrlauf (Fixie) ohne Freilauf, wer aufhörte zu treten, bremste das Rad ab. Gebremst wurde zusätzlich mit nur einer sogenannte Stempelbremse, die von oben direkt auf den vorderen Gummi-Reifen drückte, was auf dem Bild gut zu erkennen ist.

 

Woher wissen wir aber, dass es sich hier um ein Aufnahme aus Waldkirch handelt. Wer genau hinsieht, wird vorne ein angebrachtes „Nummernschild“ entdecken. Auf dem rechten ist die Zahl 1392 gut zu erkennen. Wenn man das Bild aber vergrößert, lässt sich der Schriftzug Amt (wahrscheinlich) Waldkirch erkennen. Am linken Fahrrad ist das „Nummerschild“ nicht so offensichtlich, es lässt sich aber die Zahl 1243 und die Abkürzung WLD erkennen.

 

Was hatte es mit diesen Nummerschilder auf sich ?

 

 Fahrräder hatten um 1900 Nummernschilder, oft auch als Fahrrad-Steuermarken oder Radfahrkarten bezeichnet, weil das Fahrrad zu dieser Zeit ein neues Individualverkehrsmittel war, das von Städten reguliert, kontrolliert und besteuert wurde.

 

Um die Jahrhundertwende war ein Fahrrad ein teures Statussymbol und kein billiges Alltagsgut. Viele Kommunen und Länder führten daher eine Fahrradsteuer (Luxussteuer) ein, welche jährlich um die 5 Mark kostete, ungefähr der Tageslohn eines damaligen Facharbeiters.

 

Das Schild am Rahmen, oft am Lenker oder der Vordergabel, war der sichtbare Beweis, dass der Besitzer die jährliche Steuer bezahlt hatte. Die Schilder oder Marken wechselten jedes Jahr die Farbe oder Form, damit die Polizei Nichtzahler sofort im Vorbeifahren erkennen konnte.

 

Mit dem Boom des Fahrrads um 1900 kam es in den Städten zu chaotischen Zuständen. Radfahrer teilten sich die unbefestigten Straßen mit Fußgängern, Pferdekutschen und den ersten Automobilen. Da es viele Unfälle durch "Raser" (sogenannte Rad-Rowdys) gab, mussten Fahrräder wie Autos ein amtliches Kennzeichen tragen. So konnten Fahrer nach Fahrerflucht oder bei rücksichtsloser Fahrt im Stadtgebiet durch Zeugen oder die Polizei identifiziert werden.

 

In Deutschland und vielen europäischen Ländern wurde die Fahrradsteuer und damit die Kennzeichenpflicht in den 1920er und 1930er Jahren schrittweise abgeschafft, da das Fahrrad zum Massentransportmittel für Arbeiter wurde und nicht mehr als zu besteuerndes Luxusgut galt.

 

Kuriose Polizeiverordnungen für Radfahrer

 

Da es um 1900 noch keine einheitliche Straßenverkehrsordnung (StVO) gab, erließ jede Stadt oder Region eigene Polizeiverordnungen für Radfahrer. Diese waren oft extrem streng, da die Behörden die neuen, lautlosen "Rennmaschinen" auf den Straßen als Gefahr einstuften

 

Die Geschwindigkeit von Fahrrädern und ersten Autos orientierte sich an Pferden. Innerhalb von Ortschaften galt oft ein Tempolimit, das der „Geschwindigkeit eines mäßigen Pferdetrabs“ entsprach (ca. 10 bis 15 km/h). Bei Dunkelheit, Nebel oder unübersichtlichen Kreuzungen musste auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst werden.

 

Bei Gegenverkehr durch Pferdekutschen oder Reiter musste mit äußerster Vorsicht gehandelt werden. Zeigten die Pferde Scheu vor dem Fahrrad, war der Radfahrer gesetzlich verpflichtet, sofort anzuhalten, abzusteigen und das Fahrrad gegebenenfalls im Graben zu verstecken, bis die Tiere vorbei waren.

 

Jedes Rad musste zwingend eine helle Öllampen- oder Karbidbeleuchtung, eine laut tönende Glocke (Klingel) und eine "sicher wirkende Hemmvorrichtung" (Bremse) besitzen.

 

In einigen konservativen Regionen und Städten wurde Frauen das Radfahren im Stadtgebiet komplett untersagt – angeblich aus medizinischen Gründen oder um den "guten Sitten" nicht zu widersprechen, da Frauen dafür ihre Korsetts ablegen und Hosenröcke tragen mussten.

 

 Wem gehörten nun die beiden Fahrräder um 1900, lässt sich das heute noch herausfinden? Hier die direkte Frage an das Waldkircher Stadtarchiv, welches ja auch im Rahmen der monatlich wechselnden Rubrik „ Archivalie des Monats“, besondere historische Dokumente veröffentlicht. Ist in diesem Archiv hierzu etwas zu finden oder gibt es noch die Polizeiverordnung für Fahrräder 1900 ?

 

 

 

 

 


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